Donnerstag, 24. Januar 2008

Januar 2008

Hiermit beginne ich also nun meine Blogeintraege, auch wenn ich mich ab morgen schon seit 2 Monaten hier in San Carlos, Nicaragua befinde… so vergesse ich aber niemanden in die RUndmails mit einzutragen, da jeder nach eigenem Gusto hier vorbeischauen kann. Die aelteren Eintraege, die ich vorher immer per Email verschickt habe, fuege ich dann spaeter hinzu.

Meine letzte Rundmail endete mit Silvester und mit Beginn des Jahres 2008 moechte ich auch anfangen. Die ersten paar Tage waren relativ ruhig, neben meinem Unterricht begann ich mich mit einem Schueler namens Humberto oefters zu treffen, um, natuerlich auf English, ueber Gott und die Welt zu reden – eine Art Konversationskurs. Aber mit Erfolg, denn sein Englisch wird immer besser (“auf die Schulter klopf”); auch faellt uns das “Gott und die Welt” – Gerede sehr leicht, da wir uns einfach verstehen und inzwischen sogar sowas wie Freunde geworden sind, welches ueber die allgemeine Oberflaechlichkeit vieler zwischenmenschlicher Beziehungen hier durchaus hinausgeht. Aber mehr dazu spaeter, zuerst beginne ich wohl mit dem Silvestertag, bzw der „Tag danach“, den ich fast durchschlief, da ich noch angestrengt von Juigalpa war und ueberhaupt in der Nacht von Silvester logischerweise auch nicht viel Schlaf bekommen habe. Ueberrascht hat mich dann am naechsten Morgen der Anblick eines Huhnes, welches in unserem „Hinterhof“ an einen Pfosten gebunden war (und spaeter in einen Sack gesteckt wurde, da es sich losgemacht hatte), angeblich ein Geschenk eines Freundes an die Familie. Somit hatten wir also ploetzlich neben der Taube (habe ich diese schon erwaehnt... wenn nicht, also eine Taube wurde eines Tages in unserem Hinterhof gefunden mit einem durch Menschenhand (und Schere) halb abgeschnittenen Fluegel. Izamar und Enoq (beide unschuldig) waren verzueckt und nahmen ihn(?) gleich auf. Ich konnte mich nicht so recht mit der Paloma anfreunden, da sie immer vor meine Tuer schiss, grad wo´s am dunkelsten ist und man nichts sieht und ich deshalb allzuoft hineingetreten bin. Aber auf Grund der Tatsache, dass dieses Tier eh an Lebensqualitaet eingeschraenkt war und mit der Zeit ganz den Sinn fuers Leben verlor, plusterte es sich eines Tages sehr auf und starb. Das Huhn hatte im Vergleich einen noch kuerzeren Aufenthalt im Hause Quiroz, da es gleich am naechsten Tag geschlachtet und gekocht wurde (schmeckte vorzueglich...). Ich waere gerne dabei gewesen, aber war wohl doch zu langsam, denn in der Frueh steckte es noch im Sack, beim naechsten Mal, wo ich nach ihr sah, wurde nur noch mit dem Finger auf den Topf gezeigt. Ein leicht komisches Gefuehl, aber die Beziehung hier zwischen Tier und Mensch ist ohnehin schon eine ganze Ausfuehrung wert (die ich hier aber nur anschneiden werde). Die Rolle der Tiere als Nutzwert/Nahrung ist schon von Anfang an klar, trotzdem werden sie teilweise zaertlich herangezogen, angenommen und zuletzt geschlachtet, welches fuer einen Auslaender, der es nicht gewohnt ist, dass was fruehs noch Gackerte, mittags auf dem Teller zu sehen, doch etwas komisch ist. Haustiere (abgesehen von Hunden/Katzen) gibt es also als solches nicht, trotzdem ueberkommt mich bei dem Anblick der (neu angeschafften) Schweine, die unser Nachbar von Zeit zu Zeit in seinen Garten treibt, immer noch ein Gefuehl von „Ach wie suess“ und - gemaess des Sprichworts - „was fuer arme Schweine“... Eine Erfahrung und zuletzt auch Vergegenwaertigung der Tatsache, dass unser Essen (also Fleisch) vor nicht allzu langer Zeit vergnuegt herumlief kann aber sicher nicht schaden. Soviel zu den Tieren.

Ein paar Tage spaeter (im Januar) bekamen Helena und ich Besuch einer anderen Deutschen, die als Freiwillige auf Ometepe arbeitet und auf dem Weg nach Rio San Juan war, eine „am Ende der Welt“ Stadt, die nur per Boot erreichbar ist. Die Tatsache, dass es hier keinen Bankautomaten gibt und sie (Katharina) damit finanziell sehr unterversorgt ist, zeigte mir wieder, dass man sich hier wirklich vorbereiten muss, bevor man reist. Der Leichtsinn zu Glauben, dass es hier alles gibt und alles so funktioniert, wie man es sich vorstellt, es geschrieben steht oder man einmal erfahren hat, kann einen wirklich in eine missliche Lage bringen. Helena und ich leben eben wirklich in einem Gebiet, der sich von dem Rest Nicaraguas unterscheidet, in dem Sinne, dass es fast eine andere Welt ist, abgeschieden und unterentwickelt, in so vielen Aspekten. Interessant wie verschieden das Leben sein kann, innerhalb des gleichen Landes.

Humberto, von dem ich vorhin sprach, bescherte mir in der gleichen Woche noch einen sehr schoenen Tag, da er mich mit Fischen nahm. Aber vielleicht zur Erklaerung, H. Wuchs in einem Bergdorf in der Naehe von Los Chiles auf und ist schon als Kind zum Fischen geschickt worden, da sie zu arm waren, um am Markt etwas zu kaufen. Wir gingen also mittags los, mieteten ein kleines Ruderboot von einer Familie, die in einer auf Stelzen gebauten Holzhuette wohnt, da der Boden nur aus Schlamm besteht und direkt am See liegt. H. Ruderte uns an eine Stelle im Schilf, wo er begann mit einem Messer ein quadratisches Loch in eine alte Fantaflasche zu schneiden, um damit mit Brotstuecken die Sardinen zu fangen, welche sich auch mit Freude darauf stuerzten. Man haelt die Flasche unter Wasser und wartet bis sie sich hineinverirren, um es dann wieder herauszuholen. Waehrenddessen wird die Hand von gefuehlten Hunderten Sardinen mit Brot verwechselt, weshalb ich ein paar Mal fast die Flasche fallen liess (nicht das es weh tut, aber ich musste immer an die Krokodile denken, denen ich ja gleichermassen meine Hand entgegenstreckte). Die gefangenen Sardinen sprangen noch eine Weile zwischen unseren Beinen herum und als wir genuegend hatten, ging es an eine andere Stelle im Schilf, wo das Warten eigentlich erst begann. Mit einfach Fischerruten und Haken spiessten wir die armen Viecher auf und warfen sie ins Wasser. Doch die Fische hatten nicht so recht lust anzubeissen und wenn ja, dann stahlen sie mir einfach (und sehr zum Vergnuegen von Humberto) den Koeder weg, so dass ich erst spaeter meinen ersten Fang melden konnte. Umso stolzer war ich auf meine zwei handgrossen Fische und war froh, dass ich sie am Ende des Tages Humberto schenken konnte, da ich ja nicht ein grosser Fan von Fisch bin. Leider war ich an dem Tag auch etwas angeschlagen, hatte mir (bei 30 grad) einen Schnupfen geholt, der aber mit einem Tee der Apotheke (Medikamentenbombe) zerschlagen wurde. Den Fischtag verbrachte ich aber trotzdem mit rasenden Kopfschmerzen und das alles in der prallen Sonne (Sonnenbrand natuerlich).

Das zweite Ereignis war ein weiteres politisches Treffen zwischen Nicaragua und Costa Rica, welches diesmal in Costa Rica stattfinden sollte. Helena und ich fanden uns also puenktlich fruehs am Kai ein, mussten aber natuerlich etwas warten und wurden auch erst kurz vor dem Einsteigen darauf hingewiesen, dass wir eventuell uebernacht bleiben muessen. War nicht die tollste Nachricht, da wir nur das hatten, was wir am Koerper trugen und die einzige gute Nachricht war, dass Helena noch ein Moskitospray hatte – unsere einzige Hoffnung. Wir fuhren also wieder quer uebern See und bogen dann in den Fluss Papaturro ein, wo wir wie beim letzten Mal, durch den dichten Dschungel fuhren und am Ende an einem Matschstrand hielten und ausstiegen. Auf dem Weg trafen wir Anreisende, die in die falsche Richtung liefen (fehlende Kommunikation) und dann umkehrten. Von unserem Aussteigeort mitten im Nichts begann ein Fussmarsch der circa 20 Minuten dauerte und irgendwann an einer Schuttstrasse endete. Wir hatten also irgendwo die Costaricanische Grenze ueberquert, wie die „Illegalen“, wie Frank meinte und quetschten uns dann in einen Jeep, der uns in die naechstgroessere Stadt Upala bringen sollte. Dort wurde diskutiert, wieder die gleichen Themen (ich frag mich, wann erste Ergebnisse zustande kommen) und danach wurde gegessen. Es war noch nicht allzu spaet, also sollten wir doch noch nach Hause kommen, doch wir schienen trotzdem auf irgendwas zu warten, weshalb sich die Stadtraete erstmal ein Bier vom Supermarkt goennten (und mir eins abgaben). Helena und ich liefen ihnen blindlings hinterher, waren aber wiedermal leicht amuesiert von der ungezwungenen, informalen, ja fast „Wir treffen uns auf ein Bierchen, quatschen ein wenig und haben viel Spass“ – Stimmung. Es war aber auch Mal wieder schoen in der „Zivilisation“ zu leben, richtige Strassen, Supermaerkte, Laeden aller Art, einfach – Zivilisation. Waere vielleicht gar nicht so uebel gewesen dort zu uebernachten... Es ging aber dann doch wieder im Schulbus zu dem Grenzhaus (nebenbei bemerkt wurde auf der Anwesenheitsliste mein Name mit Julia Ochomogo (wie Frank) unterschrieben und Helena wurde eine H. Castillano oder so aehnlich (so heisst ein Ingenieur). Dann begann der Fussmarsch bei untergehender Sonne, durch Bohnenfelder und Ein-Haus Doerfer, ueber Schlammwege und herabgefallene Palmenblaetter (mir war dabei wiedermal bewusst, dass ich ausgerechnet in solchen Situationen Sandalen anhabe und gerade die Schlangen zu dem Zeitpunkt herauskommen). Im Boot hatten wir eine nicht wirklich sanfte Rueckfahrt, unter inzwischen schon schwarzem, aber dafuer Sternenreichen Himmel, mit einem Blutroten Hintergrund, von dem sich die Vulkane tiefdunkel abhebten. Insgesamt (waere es nicht so holprig gewesen) ein wunderschoenes Bild. Und auch ein interessanter Tag.

Seit dem ist nicht so viel passiert, ich werde demnaechst in der Tertulia (einem von Nuernbeg finanzierten Projekt) einen weiteren Englischkurs beginnen und dann auch in den verschieden Schulen. Zuerst aber – wie ich heute erfahren habe – wurde ich gebeten als Uebersetzer eine Gruppe vom Rathaus nach Managua und Leon zu begleiten, da man dort mit einem Vertreter aus Holland ueber die Finanzierung verschiedener Projekte reden wird. Ich sei hier wohl die Einzige, die Englisch spricht (und einigermassen Spanisch) und muesse nun also mit (ist nur eine Woche). Ehrlichgesagt fuehle ich mich nicht sonderlich geehrt, sondern habe verdammt Schiss, da ich mich kaum imstande fuehle eine so wichtige Sache mit verschiedenen Buergermeistern, Stadtraeten und einem ca. 70 jaehrigen Archtitekten aus Holland zu besprechen, da lastet doch viel Verantwortung mit und ich bin jetzt schon ziemlich nervoes. Aber ein gutes hat es schon - ich sehe in verschiedenen Staedten das Ergebnis internationaler Projekte und erlebe hautnah mit wie ein solches auch in San Carlos realisiert werden soll. Spannend.

1 Kommentar:

Larissa hat gesagt…

Hallo! Wie schön, dass du so einen Blog eröffnet und gleich soo viel geschrieben hast! =)
Ich warte schon gespannt auf den ausführlichen Bericht von diesem Treffen mit dem Architekten! ;)
Und gleich noch eine Anregung, was du hier festhalten könntest: wie deine Unterrichtsstunden so ablaufen, welche Schüler und Klassen du hast (oder bald haben wirst)... Das interessiert bestimmt einige! Und deshalb bist du ja auch da. :)
Eine schöne und nicht zu heiße,Moskito-arme Zeit noch!
Lg, Larissa

PS: Vielleicht solltest du wirklich immer festes Schuhwerk tragen, Hitze hin oder her, es ist auf jeden Fall sicherer, bei den Schlangen und Spinnen die's da so gibt...