Montag, 4. Februar 2008

Dolmetschertaetigkeit

Ich komme soeben vom “Flughafen” bzw Haus (=Terminal) an einem Feld (=Landebahn) zurueck, an dem wir den niederlaendischen Architekten Henk B. und eine Mitarbeiterin des Consejo Holanda-Nicaragua (Staedtepartnerschaftsrat aller Staedtepartnerschaften zwischen der Niederlande und Nicaragua) aus Managua. Die letzte Woche verbrachte ich naemlich damit, fuer diesen Herrn sowohl in Managua als auch bei den Sitzungen hier in San Carlos zu dolmetschen. Zu Beginn war ich ziemlich skeptisch ob mein Spanisch ausreichen wuerde, um tatsaechlich von Nutzen zu sein (oder ob ich mich total blamieren wuerde...). Auch hatte ich bis zuletzt fast keinerlei Informationen, wusste nicht mal genau worum es geht. Frank sagte mir nur, dass sie einen Ubersetzer suchen und es ausser mir in dieser Stadt keinen gibt, der (gut genug...) Englisch bzw Spanisch spricht. Ich ging also erstmal davon aus, dass ich mit Frank nach Managua fahren wuerde, aber am Samstag hiess es ploetzlich, dass ich alleine im Flugzeug fliege und dass man mir Geld gibt, um fuer alle Kosten aufzukommen. Das Problem war nur, dass der Vice-Buergermeister der einzige war, der die Geldschecks genehmigen konnte, dieser war aber nicht aufzutreiben... die Bank machte um 12 Uhr zu und ich hatte kein Geld (nur ein Stueck Papier, welches ich in Managua umtauschen musste). Frank – zum ersten Mal sehr besorgt – war sich nicht mal sicher, ob ich dann ueberhaupt ein Flugticket kaufen kann.

Irgendwie hatte ich ein „Vorkatastrophengefuehl“ bei dem Ganzen, welches am Sonntag durch die Tatsache, dass Frank mir mein Flugticket grade mal eine Stunde vor Abflug vorbeibrachte nicht gelindert wurde. Der Flug aber war den ganzen anfaenglichen Stress wert, der im Vergleich zu 12 Stunden Busfahrt nur 50 Minuten nach Managua braucht. Der Abflug ueber die Feldpiste war ziemlich wackelig und da man nur zu Zehnt in diesem Miniflugzeug sitzt (ich sass direkt hinter den Piloten), bekommt man alle Erschuetterungen doppelt so stark zu spueren. Auf Grund des Regens (vom Vortag) war es auch ziemlich nass und die vielen Schlagloecher im Boden sahen vom Fenster nicht so vielversprechend aus, aber wir ueberlebten und der Blick ueber San Carlos, den See, die Vulkane von Ometepe und schliesslich Managua war einfach wunderschoen (gut war auch, dass das Flugzeug tiefer fliegt, als groessere Maschinen – bessere Aussicht). Die Piloten unterhielten sich den ganzen Flug ueber ihren Urlaub und lasen in der Zeitung, das Flugzeug war also anscheinend auf Autopilot geschaltet und kam man dann doch ins Schwanken (was die Piloten keineswegs beunruhigte), so „korrigierte“ dieser Autopilot alles selbst, was ich schon sehr interessant fand. In Managua gelandet (2 Sekunden vor Landung befanden wir uns noch in einer Vertikallage, so dass ich doch noch mal ziemlich ins Schwitzen kam!), teilte ich mir mit einem niederlaendischen Paar das Taxi ins „Ho(s)telviertel“ Barrio Martha Quezada, wo wir zwar in unterschiedlichen Hospedajen unterkamen, uns aber fuer den Abend verabredeten (wir gingen Spaghettiessen – koestlich!). Sie reisen schon seit Novemeber in ganz Zentralamerika herum und wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut, obwohl wir uns grad mal 20 Minuten kannten. Das ist aber eine der Besonderheiten am Reisen, vor allem in solchen Laendern, man trifft an allen Ecken neue, offene Leute, die sich mit einer Ungezwungenheit auf einander einlassen. So erfaehrt man in kurzer Zeit alles moegliche ueber andere Kulturen, so dass ich in der Nacht total erschoepft vom Reden ins Bett fiel. Eigentlich wollte ich frueh schlafen gehen, aber als ich endlich im Bett lag war es so laut auf den Strassen und ausserdem war ich total nervoes, so dass ich ziemlich unausgeschlafen (und noch nervoeser) am naechsten Morgen in aller Fruehe das Taxi zum „Edificio El Carmen“ nahm.

Das Gebaeude liegt direkt am „Nacionalpalast“, in dem sich die Bueros der Sandinistenpartei befinden. Die umgebende Mauer ist total bunt angemalt, waehrend dazwischen lauter Wachtuerme mit Soldaten stehen, so dass ein anderer Freiwilliger ganz treffend den Palast, sowie das Haus von Ortega als „Mischung aus Kindergarten und Gefaengnis“ beschrieb. Natuerlich war ich frueher als alle anderen im Buero, so dass Warten angesagt war, aber nach und nach kamen die Mitarbeiter des Bueros und fingen pfeifend, singend oder Witzereissend zu arbeiten an. Der Direktor José Castillo sagte mir dann, dass es ein Missverstaendnis gegeben hatte und ich eigentlich erst in San Carlos notwendig gewesen waere, da er Englisch spricht. Kurz darauf kamen Marisol (die Buergermeisterin von San Carlos) und der Ingenieur, viel spaeter auch Henk, der niederlaendische Architekt. Ein grosser, hellhaeutiger (auch ganz weisse Haare), 58-jaehriger Mann, der ein wenig lieb-tollpatschig durch seine Brille blickt. Sein Englisch ist natuerlich sehr gut, wenn er auch in manchen Momenten anfing mit mir niederlaendisch zu reden oder wir auch manchmal auf Deutsche auswichen (er arbeitete lange in Berlin), wenn er das Englische Wort nicht wusste. Komplett fuhren wir dann erstmal 1 Stunde auf der Autobahn (ja- eine richtige, geteerte Autobahn, ich war ganz hin und weg) nach León, einer schoenen historischen Stadt am Pazifik, durchweg kolonial gebaut und ein Vorreiter in der Urbanizierung (vor allem in (finanziellen) Zusammenarbeit mit Holland). Leider bekam ich von der Stadt selbst wenig zu sehen, wir waren ohnehin spaet dran und rasten also (ja, auch Nicaraguaner koennen sich mal beeilen) ins Rathaus, wo der Direktor des „Staedteplanungsamtes“ (oder so) uns die vergangenen 20 Jahre erklaerte und die Erfahrung die sie aus den jeweiligen Projekten gesammelt hatten. Dieser Mann, der mit einer Powerpoint Praesentation die Information darstellen wollte, sprach mit einer derartigen Geschwindigkeit und sprang thematisch auch oft hin und her (mit vielen Anekdoten und sonstigen Anmerkungen), so dass ich irgendwann einfach nicht mehr hinterherkam. Auch wurde kreuz und quer gefragt, jeder sprach gleichzeitig, gleich laut und gleich unverstaendlich und Henk und ich waren irgendwann so frustriert und schlichtweg am verzweifeln, dass wir unisono „STOP“ schrien und dabei auch die Haende hochhielten (wie als wuerde man einen heranrasenden Zug mit Handzeichen zum Anhalten zwingen wollen). Es herrschte dann aber tatsaechlich ein oder zwei Minuten Stille, da sie ziemlich ueberrascht waren, dass wir nicht selbstverstaendlich mitkamen... immer diese Europaer ;-). José Castillo uebersetzte also dass was ich nicht verstanden hatte und ich den Rest und nach 2 Stunden war ich bereits fix und fertig und es ging zum Essen. Wie auch bei den anderen gemeinsamen Essen danach, goennte man mir da auch keine Pause, denn „Smalltalk“ musste natuerlich auch uebersetzt werden und die Nicas lieben Smalltalk. Hatte ich also endlich etwas zu essen vor mir, so wurde jeder angesetzte Bissen durch einen Unterhaltungsbeitrag unterbrochen, hatte ich diesen hastig uebersetzt folgte gleich schon wieder eine Antwort, und so weiter und so fort. Insgesamt ein anstrengender aber informativer Tag, wann sonst kriegt man einen solchen Einblick in Stadtentwicklung? Gut, auf die millionen zu uebersetzenden Zahlen haett ich verzichten koennen, aber die Idee und Umsetzung eines Behausungsprojektes fuer sozial benachteiligtere Gruppen und der eigentlich Versuch, die Mentalitaet einer Kultur dahingehend zu veraendern, dass die Nicaraguaner selbst einen finanziellen Teil zu ihrem Haus beisteuern (unter einer vorherigen Regierung wurden den Armen viele Sachen einfach geschenkt, was - so Robin Hood maessig es auch klingt – eine negative Auswirkung auf die eigentliche selbstschaffende Mentalitaet hatte im Sinne von „Warum selbst arbeiten, wenn mir der Staat doch was gibt“), war sehr spannend. Henk als Architekt verstand oft mehr als ich worum es eigentlich ging und im Prozess des Dolmetschens sind mir zwei essentielle Dinge aufgefallen: Klar muss man mitdenken, aber bloss nicht zu viel! Zur Erklaerung, manchmal verstand ich etwas und meinte, dass koenne doch so wie ichs verstanden habe nicht stimmen, uebersetzte also eine korrigierte Fassung, die sich dann als falsch herausstellte. Andere Male uebersetzte ich Wort fuer Wort eine Ausfuehrung ueber die Zusammensetzung einer Strasse und die Abwasserleitungen und verstand kein einziges Wort. Je mehr er sprach, desto unsicherer war ich mir, was ich da von mir gab (zu Henk) und am Ende war ich vollkommen verwirrt. Henk nickte, sagte er wisse das alles schon und damit war die Sache erledigt (ich weiss bis heute nicht was das, das ich uebersetzt habe, eigentlich zu bedeuten hat). Gut – schliesslich redet man nicht jeden Tag ueber Architektur, Ingenieurwesen oder die Finanzierung von Abwasserleitungen. Da gelang mir der Smalltalk zwischen der Buergermeisterin und den anderen doch viel besser. Am naechsten Tag ging schon mein Flug zurueck, also goennte ich mir am Abend vorher noch einen Reis mit Curry (himmlisch) und fiel ins Bett. Der Flug war genauso schoen wie am Hinweg, mit dem einzigen Unterschied, dass man diesmal sogar durch eine Sicherheitskontrolle musste (haette auf dem Hinflug alles in die Luft sprengen koennen...).

Henk folgte am naechsten Tag und dann begann der eigentliche Teil meiner Arbeit, da es um die Verhandlungen zwischen Groningen (Holland) und San Carlos ging, wieviel fuer welchen Teil des Projektes ausgegeben wird. Es geht de facto um 100 Haeuser, wovon 50 bereits stehen. Groningen zahlt die Konstruktion der Haeuser mit einem Beitrag von 100.000 Euro, aber koennte nochmal 50.000 beisteuern, wenn gewisse Bedingungen erfuellt werden. Zum Beispiel soll der Beitrag der Bewohner nicht mehr ganz an die Alcaldia (Rathaus) zurueckgezahlt werden, sondern ein Teil soll in einen Boden“found“ eingezahlt werden, mit welchem man spaeter mehr Boden kaufen kann. Ach herrje, ich fang gar nicht erst an, es ist doch zu kompliziert zu erklaeren. Aber ich war doch sehr stolz, dass ich wesentlich zu diesen Verhandlungen beitragen konnte, am Ende hatte ich sogar das Gefuehl etwas mitveraendert zu haben (fuer die Zukunft). Aber im Grunde (auf die Frage von meinen Eltern, ob mir nun das Dolmetscherdasein doch gefaellt), ist man als Dolmetscher ja nie der Schaffende, sondern lediglich der Uebermittelnde, quasi die „Schnur zwischen den Dosen“ und ewig nur in dieser Rolle zu sein, kann ich mir nicht vorstellen. Interessant – ja, fuer immer – nein! Es ist aber doch eine Erfahrung, wenigstens fuer 6 Monate in die Fussstapfen der Eltern zu treten (mit dem Wissen, auch wieder „heraus“treten zu koennen). Der Abschied war letztendlich kurz und schmerzlos, aber Henk kommt bereits im Maerz mit einer groesseren Delegation wieder, also sieht man sich ja bald. Das Wochenende verbrachte ich jetzt sehr ruhig mit Lesen (meine Eltern schickten mir „Krieg und Frieden“, damit werde ich wohl fast bis Mai beschaeftigt sein...), denn diese Woche war doch viel anstrengender als gedacht!

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