Eigentlich hatte ich vor die Mittagspause im Rathaus zu nutzen, um ein kleines Update zu liefern, aber prompt viel natuerlich der Strom aus und so unterhielt ich mich stattdessen mit der einzigen Person die ebenfalls die Mittagsruhe nutzen wollte, einem Sachstaendigen fuers Schulministerium hier. Nach dem ueblichen „Wie gefaellt dir San Carlos, woher kommst du und was machst du hier“, folgte eine angeregte Unterhaltung (es war eigentlich nur er der redete) ueber die Vorteile einer europaeischen Union und die Versuche der Sandinisten in den 80igern und 90igern ein aehnliches System hier in „Amerika“ aufzubauen. Denn obwohl sich hier saemtliche umliegenden Laender sowohl in der Sprache, als auch in der Kultur und der allgemeinen Struktur aehneln, ist es fuer einen Nicaraguaner sehr schwer einfach nach Costa Rica zu reisen, da diese die Immigrationswelle durch verschaerfte Visaordnungen erschweren. Und so ist es unter all diesen Laendern, die Grenzen sind auf den ersten Blick geschlossen (obwohl natuerlich trotzdem ein konstanter Emigrations und Imigrationsfluss herrscht). Es erscheint einem im Vergleich dann wirklich wie eine Leistung, dass die unterschiedlichsten europaeischen Laender, mit ihren Sprachen, Kulturen und Organisationen sich zu einer Union zusammenfassen liessen. Naja, jedenfalls war er davon ziemlich beeindruckt und von Studium der Psychologie liess er sich dann zu einem anderen Thema verleiten. Er war naemlich der Meinung, dass Nicaragua an einem grossen Mangel an sozialen Berufen leidet bzw die Universitaeten eine Vielzahl von Rechtswissenschaften oder Medizin oder Ingenieurswesen anbietet, aber die sozialwisenschaften dabei voellig vernachlaessigt werden. So hat ein kleines armes Kaff 10 Rechtsanwaelte, aber nur einen Psychologen, der sich um saemtliche Probleme die Alkohol, Gewalt und Armut in einer solchen Gesellschaft mitsichbringen kuemmern muss. Also eine sehr schwierige Position und er hofft, dass sich das bald aendert. Irgendwann landete er dann beim Thema Kapitalismus (mir war der Uebergang unserer Gespraechsthemen nicht immer ganz klar, aber eine Kunst, die man hier lernt, ist die, zu nicken und so zu tun als wuerde man genau wissen wovon das Gegenueber spricht, ohne tatsaechlich den leisesten Schimmer zu haben) und als mitten in seiner Rede das Licht (=Strom) kam, war ich insgeheim sehr erleichtert mich endlich an den PC setzen zu duerfen.
Nun zu dem was ich eigentlich erzaehlen wollte. Wie Frank Helena und mir schon sagte, ist am Montag eine Delegation aus Oesterreich in San Carlos angekommen, die wir zufaellig trafen, als Humberto, Helena und ich ein Bierchen (oder zwei) im Granadino Restaurant tranken und diese Delegation in Begleitung von Frank und Marisol, der Buergermeisterin, an einem anderen Tisch Platz nahmen. Mit Delegation meine ich eigentlich nur die stellvertretende Buergermeisterin aus Linz, der Chef des Partnerstadtsbueros und der Leiter des Vereins Linz-San Carlos (und Direktor des botanischen Gartens in Linz). Als Frank mich sah, bat er mich um den Gefallen den Vertrag der Erneuerung der Partnerschaft (20-jaehriges Jubilaeum war der Anlass) vom Spanischen ins Deutsche zu uebersetzen – bis Morgen Mittag (es war 21 Uhr). So ein Vertrag klingt auch im Deutschen kaum nach Deutsch, aber wie so oft, konnte ich ihm die Bitte nicht abschlagen und setzte mich in der naechsten frueh hin (so ein Gefloskel immer... kaum auszuhalten). Abgesehen davon stellte er uns dann den Dreien vor und es wurden ein paar Worte gewechselt. Beilaeufig erwaehnte Frank dann, dass wir auch am naechsten Tag zur Grundsteinlegung eines von Erlangen gesponserten Hauses im Krankenhaus eingeladen sind und doch kommen sollen! Am naechsten Tag kamen wir also dahin und wurden mit allen durchs Krankenhaus gefuehrt. An dem vorgesehen Bauplatz waren grosse Lautsprecher aufgebaut und saemtliche Aerzte und Krankenschwester anwesend, als Marisol, der Direktor des Krankenhauses und andere „ein paar“ Worte sprachen. Die Delegation aus Linz konnte kein Spanisch und ein englischer mitgebrachter Uebersetzer half ihnen. Eigentlich war das Ganze recht ueberfluessig, denn Linz hatte mit diesem Projekt rein gar nichts zu tun, da Erlangen ja alles finanziert hatte, aber man nutzte die „offizielle Runde“ als Einweihungskommitee und nur als Helena ploetzlich gebeten wurde (als einzige Anwesende aus Erlangen), zusammen mit der stellvertretenden Buergermeisterin aus Linz und mit Marisol den Grundstein zu legen, war sie ziemlich ueberrschaft. Auch wurden wir beide offiziell persoehnlich und unsere Taetigkeit (Frank fluesterte hinter Marisol was wir hier eigentlich tun) vorgestellt. Danach unterhielten wir uns noch ein wenig und sie schenkten uns (also die Oesterreicher) ein T-Shirt des Linzer Marathons 1998 (wo haetten sie das sonst loswerden koennen...) und spaeter auch noch ein Buch ueber Linz. Nach dieser ersten netten Unterhaltung (wobei uns erstmal auffiel, dass wir nun zu Kommentaren, die nicht fuer alle Ohren bestimmt sind, nicht so ohne weiteres aufs Deutsche verfallen koennen) folgte die Bitte, die Rede der Vize Buergerm. Am Abend beim offiziellen Festakt zu uebersetzen, da es ihr ja doch einfacher fiele Deutsch als Englisch zu reden. Ueberredet gingen wir beide dann noch etwas trinken (wieder unglaublich heiss dann), bloss um von einem aufgeregten Frank ins Rathaus gerufen zu werden, von dort zum Restaurant, wo sich die drei Oesterreicher mit Marisol befanden und dort ein paar Punkte des Vertrags zu besprechen. Ich hatte – zu meiner Ehre – alles so uebersetzt wie vorgefunden, auch wenn ich mich wunderte, dass es klang als haette man den urspruenglichen Vertrag von vor 20 Jahren einfach abgeschrieben und so ein paar Dinge, wie zB „wir werden also nun mit dieser Partnerschaft beginnen“... nicht veraendert. Das war dann auch ein solcher Punkt, da es natuerlich fortsetzen heissen muss und ich war doch ein bisschen peinlich beruehrt, als die Buergermeisterin vor Marisol, Frank und den anderen einfach sagte „Na, die haben sich halt einfach den alten Vertrag genommen und abgeschrieben, ist ja im Grunde wurscht was da drin steht!“. Man fuhr uns zurueck zum Rathaus und Frank war total im Stress eine halbe Stunde vor Beginn des Feier den Vertrag sowohl im Spanischen wie auch Deutschen zu veraendern und noch eine Praesentation fertig zu stellen. Auf dem Weg dahin fragte ich beilaeufig wie wieviele kommen und wurde, da die Antwort „naja, so mehr oder weniger 80“, ploetzlich ueber meine bevorstehende Uebersetzung nervoes, da Helena und ich ausgemacht hatten, das ich´s uebernehme. Letztendlich uebersetzten wir zu zweit, da die Buergermeisterin die Idee drei starker Frauen gefiel (sie dieses sogar in der Rede erwaehnte). Wir sasen also in der ersten Reihe mit der Buergermeisterin Marisol, dem Zustaendigen fuer das Buero zwischen Nicaragua und Oesterreich, Stellvertretende Buergermeisterin Dr. Cristiana Dolezal und „ihre zwei Bodyguards“, gegenueber saemtlichen Stadtraeten, Mitarbeitern des Rathauses, Ex-Buergermeister von San Carlos und anderen. Im Fest wurde gesungen (ein hervorragender Saenger hier aus der Gegend, der mit Gitarre und Stimme einem fast zu Traenen ruehrt), getanzt (Kinder tanzten Folklore und fuehrten ein Theaterstueck auf, welches sich „Der Alte und die Alte“ nennt) und viel, ja zu viel geredet. Die Rede von Marisol dauerte ueber eine Stunde, die Powerpoint praesentation von Frank zeigte saemtliche Projekte der Stadt (mit saemtlichen Partnerstaedten) und war leider viel zu detailliert, so waren die Oesterreicher nicht im geringsten daran interessiert, wieviel eine Abwasserleitung gekostet hat, etc. Als wir dann endlich dran waren, war ich schon nicht mehr ganz so nervoes, aber ich glaube Helena war umso nervoeser, da sie soetwas noch nie gemacht hatte. Wir wechselten uns jede Passage ab und hatten beide unsere Momente, wo wir uns am liebsten an den Kopf geklatscht haetten, welche aber auch beide mit Wohlwollen und Lachen aller Anwesenden angenommen wurden. Mein „Moment“ war, als ich die von Dolezal genannten Vorzuege San Carlos aufzaehlte, wozu die inzwischen grosse Anzahl an Muelleimern gehoert. Aber statt Muelleimern (Basurero) sagte ich „Und – San Carlos hat auch schon sehr viel Muell (Basura)!“ Und obwohl Helena hinter mir die Korrekutr einfluesterte, war ich unfaehig dieses aufzunehmen und wunderte mich nur, dass alles so amuesiert waren...
Die Feier war aber alles in allem doch sehr schoen, viel Musik, Essen und Wein =) und danach wurden wir noch ins Granadino eingeladen, wo wir uns sehr gut mit den Oesterreicher verstanden und auch mit allen anderen und der Abend endete um fast Mitternacht mit den Klaengen des Saengers, der zusammen mit seinem Bruder (Gabriel, an dessem Computer ich hier immer arbeite) Volkslieder sang, wozu auch alle anderen einstimmten. Die beiden gehoeren zu einem Trio, die auch in Deutschland waren und als der Gitarrist ein deutsches Lied ueber die Freiheit der Frau sang, sang auch die Buergermeisterin aus Linz lauthals mit. Das letzte Lied war „Imagine“ von Lennon, gespielt von Gabriel und endete den Abend mit einem melancholischen Gefuehl der Bruderschaft unter allen Menschen (Bier und Flor de Caña (RUM) steuerte zu diesem Gefuehl durchaus bei...).
Donnerstag, 14. Februar 2008
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