Am letzten Sonntag wurde ein 8-jaehriger Junge tot aus dem See geborgen, der am Vortag beim "Schwimmen" ertrunken ist. Der Grund war schlichtweg die Tatsache, dass dieser Junge nicht schwimmen konnte und warum keiner dabei war, um ihm zu helfen oder wo die anderen Jungs abblieben, die angeblich bei ihm waren ist noch ungeklaert. Es gab anscheinend zwei Polizisten, die aber angaben beide nicht schwimmen zu koennen und somit war dieser Junge seinem Schicksal ausgeliefert. Schockierend ist, dass hier die Mehrheit der Menschen nicht Schwimmen kann, obwohl die Stadt von zwei Seiten von Wasser umgeben ist, links der Rio San Juan, rechts der See.
Am Montag nach meinem Unterricht kam Humberto auf mich zu und erzaehlte mir das, da der Junge ein Schueler von ihm war und sogar einer seiner Lieblingsschueler. Er kam auch aus einer sehr armen Familie, war aber immer froehlich, aufgeweckt und sein ploetzlicher Tod erschuetterte Humberto sehr. Als ich nach unserem Gespraech nach Hause kam wusste dort auch schon jeder Bescheid und Izamar zeigte mir im Fernsehen die Aufnahmen des Lokalsenders, welche die Leiche des Jungens zeigten, die neben dem Hafen auf einer Bahre lag und von einem Arzt untersucht wurde. Die Tatsache, dass das Fernsehen so ohne weiteres auf die Leiche dieses Kindes hinzoomt und auch im nationalen Fernsehen saemtliche Verkehrs- oder Mordopfer ohne Bedenken dargestellt werden, finde ich schlichtweg nicht in Ordnung. Als Angehoeriger im Fernsehen den eigenen Sohn sehen zu muessen, wie er vor allen aufgebahrt liegt, von Polizisten fotografiert und vom Arzt dokumentiert wird, muss kaum auzuhalten sein. Ich finde damit wird die letzte Wuerde des jeweiligen toten Menschen derartig verletzt, das ich gar nicht lange hinschauen kann oder moechte. Der Arzt machte sogar den Weg fuer die Kamera frei um auf die nicht mehr vorhandenen Ohren hinzuzoomen, die von Fischen im Laufe der 24 Stunden abgeknabbert wurden.
Die Beerdigung war gestern und Humberto erzaehlte mir, dass man in der Umgebung fuer die Familie Geld gesamelt hat, um fuer die Kosten aufzukommen. Eine Tradition bei einem Todesfall ist es hier am ersten und insgesamt 9 Tage lang "Totenwache" zu halten. Nachts versammelt sich um das Haus des Verstorbenes also eine Gruppe von Menschen die in relativer Stille oder auch im Gegenteil, in Feierstimmung, die Nacht zusammen verbringt. Es wird gegessen, getrunken und im Haus wird eine Art Altar aufgebaut, ein Mann liest aus einer Bibel - es entsteht eine angenehme, bedaechtige Atmosphaere des Beisammenseins. Auch im Park hab ich eine solche Feier beobachten koennen, wobei dort der Sarg des alten Mannes in seinem Haus aufgebahrt war.
Als ich gestern zu meinem ersten Unterricht in der Tertulia (im Proyectostadtviertel) lief, kam ich an einem solchen Haus vorbei, wobei ich nicht weiss, ob es das Haus des Jungen war. Gestern abend war ohnehin eine merkwuerdige Stimmung. Da es die letzten Tage so heiss war, wirbelte jedes Auto viel Staub auf, welcher im schwachen, gelblichen Schein der Strassenlampen nur langsam zu Boden viel. Es war ungewoehnlich still, es gab nicht viele Leute auf den Strassen und der Rauch und Geruch von gebratenem Fleisch offener Feuerstellen einzelner Haeuser stieg mir in die Nase. Es hatte etwas sehr ruhiges aber auch unheimliche an sich und ich bemerkte erst kaum, wieviel schneller ich lief um zu Helenas Haus und danach zur Tertulia zu kommen.
Beim Unterricht selbst kamen statt der angemeldeten 40 (in glaubte eh nicht an diese Zahl, welcher mir der Leiter des Hauses versicherte) nur 16, aber es ist auch besser so. Ich war unkonzentriert und trotz der Tatsache, dass ich diesen Anfangsstoff bereits einmal unterrichtet und somit intus hatte, gab es ein paar Momente wo ich in die Gesichter dieser Menschen blickte und nicht wusste was ich eigentlich hier mache. Auch ist mein Spanisch gerade in solchen Augenblicken am schlechtesten und ich geraet immer wieder ins Stocken. Es ist aber auch sehr spaet gewesen, dieser Kurs ist von 19:30 bis 21:00, der Weg zu meinem Haus ist zu Fuss fast 20 Minuten. Danach unterhielt ich mich lang mit Helena, die wieder aus Managua da ist und fiel erst viel spaeter muede ins Bett.
Mittwoch, 6. Februar 2008
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